Vorsicht: Energiemarktöffnung kann zur Stromfalle werden

 

Seit Oktober ist der österreichische Strommarkt für alle liberalisiert, auch für Haushalte. Die neue Einkaufsfreiheit nutzen auch Keiler, um mit dubiosen Versprechungen Kunden anzuwerben. Diese Praxis wollen die Stromfirmen abstellen.

Es klingelt an der Haustür. Ein Herr X. kommt im Auftrag der Raiffeisen Ware, um mit Frau Y. einen Vertrag zur künftigen Stromlieferung abzuschließen. Nur sagt er das ein bisschen anders: "Auf Ihrer Stromrechnung wird künftig statt Wienstrom Raiffeisen Ware Wasserkraft draufstehen. Und Sie zahlen um fünf Prozent weniger Strom pro Jahr. Wir beliefern Sie schon immer, haben das für die Wienstrom bisher gemacht und können nun unter unserem eigenen Namen auftreten, weil der Markt liberalisiert wurde." Wienstrom dementiert die letzte Aussage.

Da staunt die Noch-nicht-Kundin. Was muss sie also tun? Einen Vertrag mit der Raiffeisen Ware, einer Tochter des Verbundes, unterschreiben, und noch einen zur Kündigung des Stromliefervertrages mit dem bisherigen Lieferanten. Sie meint kleinlaut, der Tarifkalkulator der Regulierungsbehörde e-control habe bei ihrem Kundenprofil Wienstrom als günstigsten Anbieter ausgespuckt. Wobei Herr X. nicht so genau zu wissen scheint, wer die e-control überhaupt ist. Damit fand das Gespräch auch sein Ende.

Zugegeben: Die alternativen Anbieter müssen Marktanteile gewinnen - angesichts der Marktposition der Wienstrom in Wien ein schwieriges Unterfangen; das Unternehmen halte immer noch nahezu 100 Prozent des Marktanteils, sagt Rosemarie Rauscher von Wienstrom. Nur rund ein Prozent habe seit Oktober gewechselt. Wienstrom habe seit der Marktöffnung seine Tarife für einen durchschnittlichen Haushalt zwischen fünf und 15 Prozent gesenkt.

Dass die neuen Anbieter auch über das Haustürgeschäft Kunden zu einem Anbieterwechsel locken wollen, ist legitim. So meint Christian Kern, Geschäftsführer der Verbund Austria Power Vertriebs GmbH, die 50 Prozent an der Raiffeisen Ware Wasserkraft hält: "Beim Thema Stromverkauf braucht man das persönliche Gespräch." Er meint aber auch: "Wenn jemand falsche Preisangaben macht, ist das völlig unakzeptabel. Wir sind nicht an Kunden interessiert, die mit Halbinformationen angeworben wurden. Der genannte Vorfall ist eine Ausnahme. Wir haben nur selten Beschwerden", meint der Chef des laut eigenen Angaben mit 11.000 Kunden derzeit größten alternativen Stromanbieters. Die Kundenanwerbung führen Vertriebsagenturen für den Verbund durch, in diesem Fall die Ranger Marketing & Vertriebs GmbH.

Nicht unterschreiben

Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) hat schon einige Anfragen zu Fällen ähnlicher Stromkeilerei bekommen. Energieexperte Helmut Martin meint: "Teilweise sind die Vertreter schon unangenehm aggressiv aufgefallen." Sein Tipp: Wer nicht so genau weiß, ob die Versprechungen auch halten, sollte sich bei einer neutralen Stelle wie VKI oder der e-control informieren und nicht sofort unterschreiben."

Auch der Regulator ist informiert: Es habe sogar Stromkeiler gegeben, die fälschlicherweise vorgaben, Mitarbeiters des lokalen Stromversorgers zu sein, und noch dazu den Kunden mit Einsparungen in der Höhe von 30 Prozent abwerben wollten. Hier habe es teils von den Netzbetreibern selbst schon Anfragen gegeben, die Juristen der e-control gehen dem nach. www.e-control.at

 

 

Quelle: 28.03.2002 DerStandard