Klima des Wiener Beckens:

Wien liegt am Ostrand des Wienerwaldes, der aber die Stadt keineswegs vor den Westwinden abschirmt und diese schwächt,sondern im Gegenteil: die Winde aus dem Nordwestsektor müssen durch den Donaudurchbruch zwischen Leopoldsberg und Bisamberg wie durch eine gegen die Stadt gerichtete Düse strömen. Die Winde werden durch diese Eigenheit der Landschaft „kanalisiert", also verstärkt. Nach Osten hin ist das Wiener Becken offen, es liegt am Nordwestrand des Pannonischen Beckens, das sich zwischen Ostalpen und Karpaten wie eine große Wanne erstreckt, in der sich in der kalten Jahreszeit mitunter massenhaft Kaltluft ansammelt.

Im langjährigen Durchschnitt sind im Wiener Becken Winde aus dem Westsektor mit 43,5% jährlicher Häufigkeit am stärksten vertreten. Dann folgen die Winde aus Nordwest bis Nordnordost mit 21,2% und schließlich die für Wien bedeutungsvollen Winde aus dem Südostsektor mit 19%. Diese Verteilung gilt für den Jahresdurchschnitt. Im Sommer verschiebt sich die Häufigkeit der Windrichtungen zugunsten der Westwinde, im Winter zugunsten der Südostwinde.

Die größten Windgeschwindigkeiten erreichen die Westwinde. Sie bringen auch die meisten Stürme mit. Die geringste Sturmhäufigkeit hat in Wien der Monat September, die größte haben Januar und Februar; auch im Juli sind Stürme ziemlich häufig.

Hauptregentin über Winde und Stürme ist die Großwetterlage; sie bestimmt die Hauptwindrichtungen. Eine häufige Entwicklung des europäischen Großwetters verläuft z.B. in der Weise, daß nordatlantische Tiefdruckgebiete von Westen her bis zu den Britischen Inseln vordringen, dann aber in eine Zugbahn nach Nordosten einschwenken. Wien bleibt bei einer solchen Großwetterentwicklung an der „Vorderseite" der Tiefdruckgebiete. An dieser wird im Wiener Becken eine Südostströmung angeregt, die sehr lebhaft sein kann, sie erreicht mitunter Spitzengeschwindigkeiten zwischen 50 und 75 km/h. Diese Südostströmung ist nicht nur den Meteorologen durch langjährige meteorologische Beobachtungen bekannt, sondern schon viel länger der eingesessenen Bevölkerung, die für diesen Wind eine eigene volkstümliche Bezeichnung gefunden hat: sie nennt ihn „Krowotenwind".

Dieser Wind, der in Wien durchschnittlich an 70 Tagen im Jahr auftritt, hat seine besonderen Eigenschaften, die im wesentlichen von der Lage Wiens am Nordwestrand des großen Pannonischen Beckens zwischen Ostalpen und Karpaten herrühren. In den kalten Monaten November bis März sammelt sich in dieser großen Wanne massenhaft Kaltluft an. Dieser „Kältesee" stagniert und kann, einmal entstanden, in den kalten Monaten nur durch stürmische West- oder Nordwestwinde, die aber einige Zeit anhalten müssen, vorübergehend „ausgeschöpft" werden. Nach Abflauen des Sturmes bildet sich der Kältesee bald wieder.

Die an der Vorderseite des Tiefdrucks angeregte Südostströmung führt die in der Ungarischen Tiefebene angesammelte Kaltluft gegen den Wiener Raum. Beim Überstreichen der am südöstlichen Stadtrand betriebenen Industrien wird die Kaltluft mit den in die Atmosphäre abgelassenen Beimengungen versehen und verunreinigt. Dazu kommen noch alle anderen Verunreinigungen der Stadtluft, die durch den Hausbrand, die Gewerbebetriebe und den Verkehr verursacht werden. Beim Auftreffen dieser kalten, durch Überstreichen der Stadt sehr stark verschmutzten Luft auf die Höhenzüge des Wienerwaldes kommt es dort zu Hebungs- und Staueffekten in der Kaltluft, wodurch sich Hochnebel und Nebel bildet, der tagelang - solange der Südostwind anhält - die Stadt einhüllt. Es herrscht also im Wiener Raum Nebelwetter, während gleichzeitig ein ziemlich kräftiger Wind weht, eine sonst in Österreich kaum anzutreffende Kombination. Denn Nebel ist im allgemeinen mit Windstille oder nur schwacher Luftbewegung verknüpft; ein aufkommender Wind bringt das Ende des Nebels. Der Nebel in Wien bei Südostwind hat dagegen Entstehungsursachen, bei denen gerade die Bewegung der Luft eine Hauptbedingung für die Nebelbildung ist: das Hinaufströmen der Luft an den Wienerwaldhängen, wodurch die Temperatur der Luft unter den Taupunktwert sinkt. Ein Abflauen oder Drehen des Windes in eine andere Richtung bewirkt sofort Verdünnung oder Auflösung des Nebels.

Dieser naßkalte Südostwind mit seiner stark verunreinigten Nebelluft beeinträchtigt nicht nur das Wohlbefinden der Menschen, er ist auch für die Gesundheit schädlich. Er ist äußerst penetrant und bewirkt Verkühlungen; Atmung und Kreislauf werden stark belastet; Infektionskrankheiten nehmen unter seinem Auftreten zu, werden unter Umständen epidemisch. Durch-schnittlich hält der Südostwind in Wien zwei bis vier Tage an, wird dann vorübergehend von anderen Strömungen abgelöst, und stellt sich schließlich neuerlich ein. Mitunter kann er aber eine ganze Woche und länger anhalten. Er stellt dann an die Widerstandskraft der Menschen hohe Anforderungen.

Südostwinde treten im Wiener Becken auch in der wärmeren und wärmsten Jahreszeit auf, von April bis Oktober, wenn auch nicht so häufig wie in den kalten Monaten. Im Bereich der Unga-rischen Tiefebene wird jedoch die Luft stark erwärmt, in den Sommermonaten sogar ziemlich überhitzt. Der Südostwind wird dann zu einem sehr warmen, im Sommer heißen Wind, der trocken und staubhältig ist und dazu noch die Verunreinigungen von Industrie und Verkehr aufnimmt. Dieser ebenfalls als ziemlich unangenehm empfundene Wind belastet die Schleimhäute, er reizt sie, verursacht ein Brennen der Augen. Das starke Durstgefühl, das er hervorruft, verleitet zur Konsumation großer Mengen kalter Getränke und beschwört damit die Gefahr von Magen- und Darminfektionen herauf.

Im Sommer tritt dieser „Pußtawind" durchschnittlich an vier bis acht Tagen im Monat auf; er ist stets mit den höchsten Sommertemperaturen verbunden. In Wien treten Pußtawinde ver-hältnismäßig häufig im September auf.

Viele nordatlantische Tiefdruckgebiete verlagern sich auch auf einer Zugbahn, die von den Britischen Inseln über die südlichen Teile Skandinaviens und die Ostsee nach Rußland verläuft. Der Wiener Raum gelangt dann an die „Rückseite" dieser Tiefdruckgebiete. In diesem Tiefdruckbereich treten Winde aus dem Nordwestsektor der Windrose auf; es sind die im Wiener Becken am häufigsten vorkommenden. Diese schon von Natur aus lebhaften Winde werden durch die Verjüngung des Donautales zwischen Leopoldsberg und Bisamberg außerordentlich verstärkt. Obwohl die Erhebung der letzten Ausläufer der Alpen nicht bedeutend sind, reichen sie aus, um den Querschnitt der Strömung in den bodennahen Luftschichten so zu verengen, daß die Strömung stark beschleunigt wird. Das vertikale Profil der Windgeschwindigkeit, das durch Messungen mit Radiosonden gewonnen wird, zeigt in den bodennahen Luftschichten bei West- und Nordwestströmung eine ausgeprägte Windspitze, die oberhalb 700 m rasch zurückgeht. Da die Stadt unmittelbar hinter dem „Donaudurchbruch" liegt, fällt der so beschleunigte Wind mit voller Wucht ins Wiener Becken ein.

Der starke Wind ist mit einer hohen Barometerunruhe verbunden. Diese kurz dauernden, aber intensiven und sehr unregelmäßigen Druckschwankungen scheinen die Menschen sehr zu irritieren; vielen bereitet der starke Wind heftige Kopfschmerzen, erhöhte Nervosität, Gereiztheit und Zerfahrenheit stellen sich ein. Nicht selten bringt der Sturm spontanen Temperaturanstieg, vor allem in der kalten Jahreszeit, dann treten Wirkungen auf, die denen bei Föhn gleichen. Allgemeine Müdigkeit erfaßt die Menschen, Mattigkeit, Gliederschwere, und jede körperliche, aber auch geistige Tätigkeit kann nur mit Mühe bewältigt werden.